[Karneval der Rollenspielblogs] Die Triade politischer Gesinnungen – Ein Konzept

Nach längerer Sendepause schreibe ich jetzt auch endlich einmal wieder etwas. Der diesmonatige Karneval ist dafür die perfekte Gelegenheit und hat ja auch schon einige interessante Beiträge gebracht.

Statt die Regelungen einzelner Systeme anzusprechen oder zu vergleichen, möchte ich euch eine kleine Konzeption meinerseits vorstellen, die ich hochtrabend Die Triade politischer Gesinnungen nenne. Diese soll als kleiner Denkanstoß für Kampagnen dienen, die politische und gesellschaftliche Verwerfungen beinhalten können. Das gilt sowohl Entwicklungen im Hintergrund durch NSCs, als auch durch von Spielern getriebene. Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderem Spielleiter (oder auch Spieler) dabei zu entscheiden, wo die Entwicklung hingehen könnte.

Ich habe das Konzept so gestaltet, dass ich die drei politischen Gesinnungen nacheinander aufführe und in ihren Merkmale beschreibe. Die drei sind in ihrer Gesamtheit recht abstrahiert, doch sollten die Kernpunkte jeder Gesinnung klar werden. Genannt habe ich sie die freiheitliche, die patriotische und die totalitäre Gesinnung.

Am Ende jeder Beschreibung führe ich ein paar grundlegende Gedanken auf, wie sich einerseits Gesinnungen in die andere wandeln können, andererseits wie eine Gesinnung im Mantel einer anderen daherkommt.

Wie erwähnt, möchte ich hiermit einen Beitrag zu Gesinnungen im Rollenspiel geben, die eine Relevanz für die Gesellschaft und politisches Geschehen haben. Meine Hoffnung ist, dass besonders Spielleiter damit eine Hilfe haben, um Kampagnen mit derlei Themen zu auszugestalten. Ideen und Anregungen dafür, was mit dem Land passieren könnte, nachdem die Helden den fiesen Herrscher abgesetzt haben und auch warum es geschieht. Was haben ihre Verbündeten für eine Agenda und warum beißt sie sich letztlich doch mit der der Helden?

 

Die freiheitliche Gesinnung

Freiheitlich gesinnte Figuren streben danach, Verhältnisse der Unterdrückung, Ausbeutung und/oder Abhängigkeit abzuwerfen. In vielen Fällen wird dies ein grausamer Herrscher sein, der seine Untertanen wie Dreck behandelt und terrorisiert. Die freiheitlich Gesinnten versuchen den Missstand zu beseitigen, was in vielen Settings den gewaltsamen Aufstand bedeuten wird. Der Tyrann soll abgesetzt werden und stattdessen ein gerechterer eingesetzt werden, oder man will stattdessen eine Republik errichten.

Dabei muss es nicht immer der Herrscher und politische Repression sein, gegen den sich das Streben nach Freiheit richtet. Ebenso möglich wäre wirtschaftliche Ausbeutung, z.B. gegen einen Großgrundbesitzer, der das Land mit unfairen, aber legalen Mittel an sich gebracht hat und nun die Pächter ausbeutet.

Oder die Priester eines bestimmten Gottes in einen Setting mit polytheistischem Glauben. Diese Priester zerstören die Heiligtümer der anderen Götter, verbieten deren Riten und ächten die Anhänger sozial. Der Herrscher unternimmt nichts, weil seine Dynastie dem Glauben an diesen Gott viel verdankt.

Vom Prinzip her klingt die freiheitliche Gesinnung nach eine völlig erstrebenswerten Sache und in ihrer Reinform ist sie das auch. Doch es gibt ein Problem: Das „Danach“.

Freiheitlich → Totalitär

„Ich weiß wohl – die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder“, lässt Georg Büchner Danton sagen, aber nicht nur die frisst sie. Als Beispiel kehren wir zum gestürzten Herrscher zurück. Der Tyrann ist fort/tot und eine Republik errichtet. Nun ist aber noch der restliche Adel da. Manche von ihnen sind genauso froh, dass der alte Tyrann weg ist, können aber mit der Republik nichts anfangen. Sie wollen nicht mit Kaufleuten („Pfeffersäcke!“) und Bauern („Pöbel!“) im Rat des Landes sitzen um die Politik zu gestalten und blockieren alle Entscheidungen. Weil sie enormen Landbesitz haben und genügend Leute hinter ihnen stehen, gelingt es ihnen auch gut. Was nun machen? Den Adel enteignen und zerstören, wenn er sich wehrt? Und diejenigen, die moderater vorgehen wollen? Auch weg, weil sie die Vollendung der Revolution gefährden? Dann ist man schnell bei einer totalitär anti-aristokratischen Gesinnung angelangt.

Auch in anderen Situation kann plötzlich hinter jeder Ecke eine Bedrohung für die Freiheit vermutet werden. Dann ist leider allzu rasch festgelegt, was der Freiheit angeblich bedroht und was nicht. So schnürt sich die einstmals freie Gesellschaft schnell in ein Korsett aus Präferenzen und Abneigungen, welches mit der ursprünglich freiheitlichen Gesinnung nichts mehr gemein hat.

Freiheitlich → Patriotisch

Auch der Wechsel von freiheitlich zu patriotisch ist ohne weiteres möglich. In diesem Fall wird der Aufstand/die Revolution zur Gründungslegende eines Staates oder Reiches. „Unser glorreiches Reich ward nach dem Sturz des Tyrannen nie wieder unterjocht!“ Was zählt ist die gemeinsame Identität, die mit den Aufstand begann. Die eigentlichen Ziele sind längst verwässert oder ganz vergessen.

Patriotisch getarnt als Freiheitlich

Manchmal geht den Freiheitskämpfern nur darum, dass der Herrscher aus dem Ausland bzw. einem fremden Volk stammt oder (nach ihrer Ansicht) zu eng mit fremden Mächten zusammenarbeitet. Ein schrecklicher Regent ist er trotzdem, aber im Gegensatz zu den „wahrhaft“ freiheitlich gesinnten Charakteren besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sich patriotische Aufrührer einfach zu Tyrann anstelle des Tyrannen machen. Solange der Einfluss ausländischer Mächte damit eingedämmt ist, ist ihr Ziel erreicht.

Totalitär getarnt als Freiheitlich

Manchmal kommen einem die Freiheitskämpfer nur im direkten Vergleich zu den bestehenden, schlechten Zuständen als freiheitlich vor. Wenn man die ihre Alternative genauer und losgelöst davon betrachtet, dann merkt man, dass sie für viele andere nur eine neue Form der Unterdrückung bedeutet, weil ihre Agenda keinen Widerstand duldet/dulden kann.

 

Die Patriotische Gesinnung

„Dulce et decorum est pro patria mori/ Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“ – Horaz

Das ist es auch, was für viele patriotisch gesinnte Charaktere als Grundeinstellung gelten kann. Für sie ist das eigene Land (die Heimat, der Stamm, oder was auch immer für ein Äquivalent) von enormer Wichtigkeit. Beinhaltet ist dabei immer eine gewisse Form des Freiheitsstrebens, nämlich die Freiheit von Einflüssen auswärtiger Mächte. Im Gegensatz zur freiheitlichen Gesinnung muss dies (kann aber durchaus) im Inneren nichts mit individueller oder gesellschaftlicher Freiheit zu tun haben. Wenn das Land, für das der patriotische Charakter streitet, ein rigides Kasten- oder Feudalsystem hat, dann wird er wohl auch für dessen Erhalt kämpfen. Wofür genau der patriotisch Gesinnte einsteht, dass sollte von der Entwicklung des politischen Denkens im Setting abhängig sein. Wird ein Stammesangehöriger ein abstraktes, romantisiertes Bild der Nation im Kopf haben? Wohl kaum, er kämpft für die Leute seines Stammes, für den Boden auf dem sie siedeln nur, weil sie dort siedeln. Ein Offizier in einem Steampunk-Setting könnte das anders sehen.

Was man als den gemeinsamen Nenner der patriotisch gesinnten Charakter betrachten kann, ist der Schutz dessen, was er der eigenen Gruppe als gegeben ansieht. Natürlich beinhaltet dies auch die Leute selbst, aber fast immer halt auch bestimmte Ideen, die mit ihrer gemeinsamen Identität verknüpft sind. Essentiell ist z.B. oft, dass es ein angestammtes Land gibt, auf dem sie leben, eine Heimat, die die ihre ist und die es auch um den Preis des eigenen Lebens zu verteidigen gilt.

Dabei muss es nicht einmal eine grundlegende Feindschaft zu den allen Auswärtigen bestehen. Wichtig ist dem patriotisch Gesinnten nur, dass das, wofür er einsteht, in Integrität und Identität nicht bedroht wird. Doch auch diese Gesinnung wird allzu schnell instabil!

Patriotisch → Freiheitlich

Manchmal beinhaltet die Identität der vom Patrioten geschützten Sache, dass in der eigenen Heimat wesentlich mehr Freiheiten des Einzelnen kennt, zumindest in Teilbereichen, als die Gegner von Außen. Wenn sich die Fronten verhärten, dann könnte manch einer der patriotisch Gesinnten versuchen das eigene Profil zu schärfen, indem man im Land immer mehr Freiheiten einführt, um sich vom unterdrückerischen Anderen weiter abzugrenzen. Das wiederum kann schnell zur Konfrontation mit denen führen, die ihre patriotische Gesinnung in einem ursprünglicheren Sinne sehen, und denen das Alles zu weit geht,weil sie dadurch ebenfalls ihre Identität bedroht sehen.

Patriotisch → Totalitär

Auch diese Entwicklung kann eintreten, wahrscheinlich noch eher als die zur freiheitlichen Gesinnung. Denn zur Abgrenzung kann man auch eigene Merkmale ins Extrem steigern. Besonders kritisch wird es, wenn ethnische, religiöse und kulturelle Merkmale dazukommen. Dann ist der Äußere Kontrahent bald ein Untermensch, Ungläubiger oder Barbar. Auch diese Entwicklung kann Gegenwind von patriotisch Gesinnten hervorrufen, die die eigenen Ideale pervertiert sehen. Auf jeden Fall werden freiheitlich gesinnte Charaktere bald etwas unternehmen wollen.

Freiheitlich getarnt als Patriotisch

Es kann sein, gerade wenn ein Tyrann von außerhalb herrscht, dass sich freiheitlich Gesinnte erheben, um für ihr Volk/Land zu kämpfen. Im Gegensatz zu den oben beschriebenen patriotisch Gesinnten, nutzen sie Volk/Land aber eher als Rahmen um weitergehende Freiheiten umzusetzen. Das kann dazu führen, dass sie nach der Niederwerfung des fremden Tyrannen mit den patriotisch Gesinnten anecken, die sich die neue Ordnung ganz anders vorgestellt haben.

Totalitär getarnt als Patriotisch

Eine Gruppe schreit heraus, dass sie das Beste für das Land möchte, hat aber gleichzeitig eine Agenda, die weder den Vorstellungen der Patrioten noch der Freiheitlichen zusagt. Bspw. wollen sie fremd empfundene Ethnien vertreiben, weil die für sie eine Fünfte Kolonne der äußeren Macht darstellt, obwohl Leute dieser Ethnie schon lange dort leben. Oder sie wollen das Supremat eines Gottes, den sie für den einzig wahren Schutzherren des Volkes/Landes halten.

 

Die totalitäre Gesinnung

Zuletzt gibt es noch die Charaktere, die eine Ansicht vertreten, die individueller und gesellschaftlicher Freiheit zuwider läuft, und auch nichts mehr mit den Zielen der Patrioten zu tun hat, häufig aber dort entspringt. Fast immer nimmt der totalitär Gesinnte Einfluss auf Politik, aber seine Motivation muss dort nicht originär politisch sein. Für Fantasy-Settings kann die erstrebte Vorherrschaft des Kultes eines Gottes ein Beispiel sein, welches ich an anderer Stelle bereits bemüht habe. In Science Fiction-Settings könnte jemand alle Menschen mit kybernetischen Implantaten ausrüsten wollen, um alle gleich zu machen (siehe Deus Ex: Invisible War). Kennzeichnend für den totalitär Gesinnten ist, dass er vom Prinzip her keinen Widerspruch zu seinen Ansichten akzeptiert. Sie sollen allgemeingültig sein für alle und jederzeit. Wer nicht zustimmt, der muss mit Konsequenzen rechnen, wird aber mindestens aus der angestrebten Gesellschaft ausgestoßen. Vielfach sind es aber nicht nur die Widerständler, die außen vor stehen. Oft setzt die Ansicht des totalitär Gesinnten voraus, dass andere aus der Gemeinschaft gedrängt werden (z.B. Gläubige eines anderen Gottes). In der Natur der Sache liegt es, dass totalitär Gesinnte nicht die freiheitlich Gesinnten am meisten hassen, sondern Totalitäre mit einer anderen Agenda als sie selbst.

Aber so festgefahren die totalitäre Gesinnung auch wirkt, als so wenig beständig erweist sie sich manches Mal. So ist eine Person ebenso fähig zum über- und umdenken, wie darin sich in einer Ideologie festzufahren. Auch persönliche Gefühle und die blanke Notwendigkeit können zu Kompromissen führen. Und auch nie zu unterschätzen: Bigotterie und Heuchelei.

Totalitär → Freiheitlich

Nicht die häufig, aber durchaus denkbar, ist dieser Wandel. Die Notwendigkeit kann dazu führen, das totalitär Gesinnte sich mit anderen zusammentun müssen, um wenigsten Kernpunkte ihrer Überzeugung zu retten. Dies kann gegen den Druck von außen geschehen. Durch die Zusammenarbeit mit den ungewollten Verbündeten, bei der es vielleicht um die pure Existenz geht, verwässern die eigenen Ansichten oder man ändert sie ganz.

Totalitär → Patriotisch

Die totalitäre Gesinnung kann zum Grundstein einer Abgrenzung gegen äußere Gegen werden. Wenn der Kampf lange genug dauert und der Gegensatz zum Feind stark genug ist, dann verschwindet der Gegensatz in den Ideologien der Verteidiger, und das Wir, im Gegensatz zum Die, ist das wichtige. Das Wir besteht dann aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der eher den Patrioten ähneln wird, als den Totalitären.

Freiheitlich getarnt als Totalitär

Seltener tragen freiheitlich Gesinnte kurzzeitig eine (scheinbar) totalitäre Gesinnung vor sich her, weil sie so hoffen, mehr Leute für ihre (eigentliche) Sache zu mobilisieren. Wenn es an der Zeit ist, dann wird die vorgebliche Gesinnung abgestreift, um nicht tatsächlich einer totalitären Agenda zum Sieg zu verhelfen. Dabei können sich die freiheitlich Gesinnten als eigene totalitäre Gruppe ausgeben, oder sich einer anderen anschließen, solange sie es nötig haben. Vielleicht infiltrieren sie die Gruppe auch regelrecht und versuchen den Geist der freiheitlichen Gesinnung zu entfachen. Umgekehrt ist es genauso möglich und die Gefahr besteht, dass sich die Freiheitlichen die totalitäre Agenda tatsächlich zu eigen machen.

Patriotisch getarnt als Totalitär

Hier ist die totalitär Gesinnung nur ein Vehikel für die Umsetzung der Ziele. Wichtig ist, dass das Volk/Land gesichert ist. Dass man sich dabei vorgeblich einer totalitären Gesinnung bedient, kann daraus herrühren, dass man weniger Widerstand bei Gruppen erzeugt, die diese Gesinnung tatsächlich vertreten. Vielleicht erhält man so auch Hilfe von einem äußeren Verbündeten, von dem man sich dann distanziert, sobald man hat, was man will.

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